Auszüge aus dem „Museums-Hengert“

Didaktik verständlich gemacht.

Auszüge aus dem „Museums-Hengert“

13. Februar 2019 Allgemein 0

Im Januar 2019 lernte ich Irma Wehrli, AKiD Präsidentin in Davos, bei einem persönlichen Treffen kennen. Sie hat über viele Jahre Informationen über die Ereignisse während des Zweiten Weltkrieges in Davos gesammelt. Zudem engagiert sie sich in kirchlichen Kreisen für die Verarbeitung der Geschichte bezüglich der Vergangenheit rund um den Zweiten Weltkrieg.

Während eines Museums-Hengert“ (Walser Wort für ein Zusammensein bei Kaffee und Kuchen), vom 12. Februar 2019 im Heimatmuseum Davos konnte sie wertvolle historische Hitergründe beleuchten, welche hier angefügt werden.

Vortrag «Museums-Hengert» (Walser Wort für ein Zusammensein bei Kaffee und Kuchen), vom 12. Februar 2019 im Heimatmuseum Davos von Irma Wehrli, AKiD Präsidentin, Davos

Einleitung

Ich bin ja keine Einheimische, und ich bin zu „jung“, um diese Zeit noch selber erlebt zu haben. Aber gerade deshalb bin ich auch eine typische Davoserin: Ich komme wie viele von Ihnen – manche noch aus gesundheitlichen Gründen – von woanders her (aus dem Baselbiet), habe aber mein ganzes Erwachsenenleben in Davos verbracht und bin hier heimisch geworden. Als langjährige Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Davos Platz, in deren Amtszeit eine grosse Turm- und Kirchenrenovation fiel, habe ich mich früh für die Geschichte der Walser interessiert und später, als Vorstandsmitglied der „Davoser Revue“, für die Kurorts- und jüngere Geschichte von Davos. Ein eher dunkles Kapitel ist die Geschichte der 1930er und 1940er Jahre, in die ich mich mit Hilfe der Bücher von Peter Bollier und Urs Gredig vertieft habe.

Eigene Geschichten

Und ich bin alt genug, um noch einige Geschichten aus dem Krieg gehört zu haben, schliesslich wurde ich keine zehn Jahre nach Kriegsende geboren.

Da gibt es die Geschichten meiner Mutter, geboren 1926. Sie ist in Weinfelden im Thurgau aufgewachsen, und ihre schlimmste Erinnerung ist jene an die Grenzmobilmachung im Mai 1940. Da hat sie gesehen, wie endlose Soldatenkolonnen an die Grenze am Bodensee zogen, und sie sass mit gepacktem Kinderrucksack in ihrem Zimmer und wartete mit klopfendem Herzen darauf, dass die Familie fliehen musste. Wie wir wissen, ist der Ernstfall dann nicht eingetreten. Eine andere Geschichte meiner Mutter ist die, dass ihr Vater für eine Verwandte einen „Arier-Nachweis“ besorgen musste. Sie hatte einen Österreicher geheiratet, der im Krieg gefallen war, und sollte nur eine Witwenrente bekommen, wenn sie ihre „arische“ Herkunft zweifelsfrei nachweisen konnte. Sie hatte ledigerweise «Blum» geheissen…

Und da gibt es die Geschichten meines Vaters, Jahrgang 1919. Er leistete 1000 Tage Militärdienst, war voller Hochachtung für General Guisan, wie die meisten seiner Generation, erzählte uns aber auch, dass die Armee die Zivilbevölkerung schutzlos dem Feind ausgeliefert hätte, während sie sich ins „Réduit“ zurückzog, und dass die Soldaten zwar bis zur Besinnungslosigkeit exerzieren mussten, aber völlig ungenügend ausgerüstet waren. Mit grosser Verachtung sprach er von den 200 – den „Fröntlern“, die die Schweiz an die Nazis verraten hätten. Bei Kriegsende war er in Laufenburg am Rhein stationiert und konnte das Vorrücken der Franzosen und die Kapitulation der Deutschen mit eigenen Augen beobachten.

Geschichte von Davos

Das sind Geschichten, wie sie bestimmt viele Schweizer noch zu erzählen wissen. Die Geschichte von Davos in den 30er und 40er Jahren ist allerdings schon ganz besonders. Die „Nazi-Hochburg“, „Nazi-Festung“ oder „Hitler-Bad“ wurde Davos genannt, weil hier der Orts- und Landesgruppenleiter der NSDAP Wilhelm Gustloff wirkte, der die deutsche Kolonie drangsalierte und zum Boykott gegen Landsleute aufrief, die nicht Parteigenossen werden wollten. Es hat mich immer fasziniert, dass Gustloff schon 1917 als harmloser Tuberkulosekranker und fleissiger Mitarbeiter des Physikalisch-Meteorologischen Observatoriums nach Davos kam – wie viele Jahre später übrigens mein Mann! – und offenbar jahrelang unauffällig hier lebte. Kein Wunder, dass die jüdische Philosophin Hannah Arendt von der „Banalität des Bösen“ spricht. Wäre Gustloff ein heutiger Terrorist gewesen, würde man wohl von einem „Schläfer“ sprechen. Bekanntlich wurde Gustloff im Februar 1936 vom jüdischen Studenten David Frankfurter erschossen, der eigentlich am liebsten Hitler umgebracht hätte. Frankfurter wurde zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt und nach dem Krieg begnadigt; Gustloff wurde von Hitler zum Märtyrer hochstilisiert, und in Davos gingen die nationalsozialistischen Umtriebe mit Konsul Böhme weiter. 

Davoser Alltag im Krieg

Man stelle sich Davos in den Kriegsjahren einmal vor: Hier gab es eine einheimische Bevölkerung, die stark unter dem Einbruch des Kurwesens nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 litt und deren ökonomische Situation sich mit Kriegsbeginn nochmals verschärfte. Sie konnte nicht wählerisch sein, wenn es um die eigene Existenz ging. Hier gab es eine deutsche Kolonie von rund 1500 Personen, viele davon einstige Tuberkulosekranke und ihre Nachkommen, die im Gewerbe oder im Kurbetrieb ein Auskommen gefunden hatten und gut integriert waren. Es gab immer noch Kurgäste aus anderen Ländern und schon seit 1919 die jüdische Heilstätte Etania. Es gab ab 1943 rund 600 internierte amerikanische Offiziere der Fliegertruppen. Es gab Orte, die als Nazi-Brutstätten galten, wie die Deutsche Heilstätte im Wolfgang, die Klinik Valbella, das Fridericianum und das „Braune Haus“ Mon Repos, und es gab die Treffpunkte der Nazi-Gegner um den jüdischen Anwalt und SP-Grossrat Moses Silberroth, vor allem das Café Schneider. Eine explosive Mischung! Urs Gredig, der bekannte Fernsehjournalist mit Davoser Wurzeln, hat die Stimmung am Ort in seiner Lizentiatsarbeit aus dem Jahr 2000 auf die prägnante Formel „Gastfeindschaft“ gebracht.

Durch dieses Heft – eine Sondernummer der Davoser Revue vom September 2002 – wurde ich erstmals auf das Thema Davos in der NS-Zeit aufmerksam. Eine frühere Nummer vom Dezember 1998 enthält auch ein sehr interessantes Stück Alltagsgeschichte: die Erinnerungen von Harriet Hurych (geb. 1913, tschechischer Vater, deutsche Mutter), die in Davos eine Schneiderlehre machte:

(Irma Wehrli: Ein paar Kostproben aus Hurychs Bericht lesen).

Jetzt bin ich gespannt auf Ihre Geschichten – ob aus erster oder aus zweiter Hand.

Hengern zu den Davoser Geschichten der Anwesenden

Ich habe Ihnen noch zwei Geschichten aus der Davoser Nachkriegszeit zu erzählen.

Hier ist die erste:

Nach Kriegsende beschloss der Bundesrat 1946, das Konsul-Burchard-Haus der Genfer Organisation OSE, einer Stiftung der jüdischen Flüchtlingshilfe, zur Verfügung zu stellen, die dort tuberkulosekranke KZ-Überlebende zur Kur aufnehmen sollte. Dagegen wehrten sich einige Davoser aus Tourismus- und Gewerbekreisen, die das Haus lieber als Sporthotel genutzt hätten. Sie starteten eine üble Kampagne mit antisemitischen Leserbriefen, konnten das Vorhaben aber nicht verhindern.

Von 1946 bis 1950 wurden im nun „Mon Repos“ genannten Haus jüdische Holocaust-Überlebende aufgenommen. Aber ob sie ausgerechnet im ehemaligen „Braunen Haus“ Ruhe und Heilung finden konnten?

Die „Buchenwald-Jugendlichen“ wurden von Schweizer Rotkreuzschwestern betreut. Zu ihnen gehörte der 15-jährige Marton Stark, der in der jüdischen Heilstätte Etania Aufnahme fand. Seine Betreuerin Elise Welti aus Winterthur ermutigte ihn dazu, seine schrecklichen Erlebnisse von der Deportation aus dem Ghetto in Budapest nach Auschwitz aufzuschreiben, um sie besser verarbeiten zu können. Marton Stark blieb drei Jahre lang in Davos, und Elise Welti besuchte ihn bis zu seiner Ausreise in die USA jeden Monat und blieb auch danach mit ihm in Verbindung. Lange nach ihrem Tod fand ein Verwandter 2005 das Auschwitz-Tagebuch auf dem Dachboden seiner Grosstante. Er ruhte nicht, bis er Marton Stark in Kalifornien ausfindig gemacht hatte und ihm das Tagebuch überreichen konnte. Marton Stark sagte: „Er hat mir meine Geschichte zurückgegeben.“

Und hier die zweite Geschichte: Nach dem Krieg sollen (wie aus verlässlicher Quelle verbürgt) junge Leute in einem Kohlenkeller 17 Ordner mit der Aufschrift „Reichskommandantur Davos“ entdeckt haben, die die Namen aller Parteigenossen und einheimischen Sympathisanten enthielten. Die jungen Leute hätten die Ordner verbrannt, um in Davos böses Blut zu vermeiden. Es sollte Ruhe geben um das „Mon Repos“. Aber ob die Ereignisse der Geschichte durch Schweigen wirklich zur Ruhe kommen?

Nach dem Krieg gab es in Davos eine sogenannte „Säuberung“, die sich aber vor allem gegen die Deutschen richtete, von denen einige den Ort verliessen oder ausgewiesen wurden. Es kam auch zu einigen Suiziden. Die einheimischen Sympathisanten blieben aber weitgehend unbehelligt. 

Was meinen Sie? Soll man die alten Geschichten ruhen lassen, um alte Narben nicht wieder aufzureissen, oder soll man sich erinnern? Nicht um selbstgerecht zu verurteilen, sondern um sich eigenes Handeln heute bewusst zu machen. Braucht Davos mehr Aufarbeitung seiner Geschichte, und wenn ja, in welcher Form? (Gedenktafeln? Monumente? Erinnerungskultur?)

Hengern zum Thema Erinnerung(skultur)

Als AKiD-Präsidentin wurde ich durch die Organisatoren des „Marsch des Lebens für Israel“ ganz direkt mit dieser Frage konfrontiert. Sie beklagen, dass die „braune Geschichte“ von Davos zu lange beschwiegen wurde, was den Nährboden für heutigen Antisemitismus hervorbringen könne. Wie wir alle wissen, sind die jüdisch orthodoxen Gäste in Davos sehr präsent, was auch immer wieder zu Irritationen führt. Die AKiD fühlt sich dem jüdisch-christlichen Dialog verpflichtet und veranstaltet auch Vorträge und Ausflüge zum Thema. Als AKiD-Präsidentin frage ich mich, ob die Auseinandersetzung mit der Davoser Geschichte ein Beitrag zu besserem gegenseitigem Verständnis sein kann. Was meinen Sie?  

Hengern zum Thema Lernen aus der Geschichte

Abschluss: Die Holocaust-Ausstellung im Heimatmuseum als Beitrag zur Erinnerungskultur und zu anderem Handeln in der Gegenwart. Dem unfassbaren Leid ein menschliches Gesicht geben und sich davon berühren lassen. So wie Heinz Bachmann sich von Marton Starks Tagebuch berühren liess und er nicht ruhte, bis er ihn fand. Sein Handeln hat auf der persönlichen Ebene etwas bewirkt: Er hat Marton Stark seine Geschichte zurückgegeben, über die er jahrelang schwieg. Solche Impulse für heilsames Reden über die Vergangenheit erhoffe ich mir auch von dieser Ausstellung und für Davos.

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